Veröffentlicht am: 11.05.2018
Autor: Antje Wäschle

Das magische Zauberpferdchen

Theresa war ein lustiges und fröhliches Mädchen. Sie hatte lange Zöpfe und trug immer, wirklich immer, zwei verschiedene Socken. Zu Hause war es ihr ständig recht langweilig, denn in ihrem Ort gab es keine weiteren Kinder. Theresa war das einzige Kind und so musste sie ihre Tage ohne Spielkameraden verbringen. Weil ihr deshalb oft langweilig war, streifte sie häufig durch die Natur.

Eines Tages hüpfte sie wieder einmal auf der Suche nach Abenteuern durch den Wald. Dabei vergaß sie, wie so oft, die Zeit und plötzlich wusste sie nicht mehr, wo sie sich befand. „Der Wald wird auch irgendwann einmal zu Ende sein“, murmelte sie vor sich hin, als sie plötzlich eine alte Hütte entdeckte. Überwuchert von Moos und Efeu war sie nur schwer zu erkennen – fast wäre Theresa daran vorbeigelaufen. Ob sie mal reingehen sollte? Vielleicht wohnte da ja auch jemand. Sie klopfte, doch niemand antwortete. 

Theresa nahm all ihren Mut zusammen. Vorsichtig drückte sie die verrostete alte Klinke hinunter. Quietschend sprang die Holztür auf. Theresa betrat vorsichtig den dunklen Innenraum. Lichtfetzen drangen durch das einzige, kleine Fenster. Schemenhaft konnte Theresa ein paar Gegenstände ausmachen. Sie ging zum Fenster und versuchte, die Verriegelung zu lösen. Sie klemmte. Mit etwas Kraft und Geschick gelang es Theresa schließlich doch, das Fenster zu öffnen. Nun war es gleich angenehmer. Helles Licht und frische Luft durchdrangen den Raum. Theresa erkannte eine alte Kommode, einen Stuhl und ein kleines Tischchen. „Langweilig“, dachte sie, aber dann entdeckte sie ganz hinten in einer Ecke ein altes Holzschaukelpferd. „Hey, was machst du denn da?“ Sie strich dem Pferdchen über die lange schwarze Mähne, die daraufhin zu glitzern begann. „Ach je, was ist das denn jetzt?“ Theresa erschrak, dann staunte sie. Von dem Pferdchen schien ein magischer Zauber auszugehen. Wäre das jetzt schön, wenn ich Freunde hier hätte, dachte sie traurig. Die würden staunen. In diesem Moment hörte sie draußen Stimmen. Neugierig drehte sie sich um und schaute aus dem Fenster. Drei Kinder in ihrem Alter kamen auf das Häuschen zu. Als sie Theresa erblickten, begrüßten sie sie lachend und singend. Theresa strahlte. „Wo kommt ihr denn her?“ – „Na, hier aus dem Wald. Willst du mit uns spielen?“ Natürlich wollte Theresa das.

 Sie vergaß das Pferdchen und verbrachte den Nachmittag mit den Kindern. Sie spielten Verstecken, liefen am Fluß entlang, matschten in Tümpeln und suchten Steine. „Vielleicht ziehen wir hierher“, sagte ein Mädchen. „Dann könnten wir uns doch jeden Tag hier treffen.“ – „Jaaa!“ Theresa war begeistert. Dann erinnerte sie sich plötzlich wieder an das Pferdchen. „Kommt mal mit, ich zeig euch was.“ Sie führte die drei zurück zur Hütte, um ihnen das Pferdchen zu zeigen, doch es glitzerte leider nicht mehr, auch nicht, als Theresa ihm über die Mähne strich. „Komisch. Ich könnte schwören, dass es geglitzert hat.“

Da betrat plötzlich eine alte Frau den Raum. Die Kinder erschraken, doch Theresa schaute in zwei freundliche Augen, die von Lachfältchen gezeichnet waren. Sie wusste sofort, dass sie von dieser Frau nichts zu befürchten hatten. Lächelnd ging die alte Frau an den Kindern vorbei zu dem Pferdchen und streichelte über seine Mähne. Dann winkte sie die Kinder zu sich. „Ich möchte euch etwas erzählen.“ Theresa und die anderen Kinder setzten sich neugierig um die Frau herum auf den Holzboden. „Das Pferdchen habt ihr ja schon entdeckt. Es ist ein magisches Zauberpferdchen und ich möchte euch seine Geschichte erzählen.“ Gespannt lauschten die Kinder ihren Worten. 

„Vor vielen, vielen hundert Jahren lebte einmal ein Pferd. Es besaß eine prächtige schwarze Mähne und sein Fell glänzte in der Sonne wie bei keinem anderen Pferd. Sein Besitzer war jedoch nicht gut zu ihm. Das Pferd musste schwer arbeiten, wurde ohne Pause angetrieben und oft geschlagen. Doch das Pferd war stark in seinem Charakter. Es hielt durch bis zu dem Tag, an dem der Besitzer ein weiteres Pferd zu sich holte. Auch dieses Pferd wurde schlecht behandelt. Damit konnte das erste Pferd jedoch nicht umgehen. Seine Grenze war erreicht, es konnte das alles nicht länger erdulden. Zusammen mit dem anderen Pferd heckte es einen Plan aus. Sie wollten fliehen. Als ein Stallbursche abends die Tür zum Stall öffnete, schlug das schwarze Pferd aus. Es gelang ihm, mit dem Maul auch die Tür seines Freundes zu öffnen. Als das zweite Pferd jedoch gerade den Stall verlassen wollte, trat ihm der Besitzer mit der Peitsche in den Weg. Ein anderer Mann kam von hinten und sie fassten sein Halfter. „Lauf“, rief das Pferd seinem Freund zu. „Damit wenigstens du befreit bist.“ Doch das schwarze Pferd wollte nichts davon wissen. Es machte kehrt und trat auf die beiden Männer ein. Dadurch konnte sich sein Freund losreißen und die beiden galoppierten durch die Nacht in die Freiheit. 

Doch sie wurden gejagt und gesucht. Als es in einer Schlucht schließlich kein Entkommen mehr gab, trat das zweite Pferd zu seinem Freund und sagte: „Du hast versucht, mich zu retten, damit es mir in Zukunft besser geht. Dafür sollst du belohnt werden.“ Und es galoppierte direkt auf die Verfolger zu. Die gerieten in Panik und traten den Rückzug an. Das schwarze Pferd konnte sich diese Reaktion nicht erklären, doch die Verfolger waren tatsächlich in die Flucht geschlagen und kamen auch nicht mehr wieder. Von da an lebten die beiden Pferde glücklich in Freiheit bis an ihr Lebensende. Hier endet die Geschichte aber noch nicht. Denn als das Pferd mit der schwarzen Mähne sehr alt war und im Sterben lag, trat das andere Pferd zu ihm heran und versprach ihm, dass es auf eine andere Art weiterleben und helfen durfte. So verwandelte es sich in dieses Schaukelpferd.“ 

Die Kinder blickten staunend auf das Pferd, das noch immer in der Ecke stand. „Immer wenn jemand, der traurig ist und einen ganz besonders herzlichen Wunsch hat, über seine Mähne streicht, beginnt das Pferd zu glitzern“, erklärte die alte Frau. „Für kurze Zeit erweckt es ein Lebensfunke und der Wunsch wird erfüllt.“ – „Wow, dann seid ihr ja mein Geschenk vom Zauberpferdchen“, stellte Theresa fest und blickte die Kinder mit großen Augen an. Die aber konnten sich das Ganze nicht erklären. Sie hatten keine Ahnung, wovon Theresa sprach. „Was wurde aus dem anderen Pferdchen?“, wollte ein Junge wissen. „Auch dieses Pferd verwandelte sich in ein magisches Zauberpferd“, antwortete die alte Frau. „Leider weiß ich nicht, wo es steht, aber irgendwo auf der Welt hält es sich auf. Vielleicht begegnet es euch ja irgendwann auch einmal.“

Damit verabschiedete sich die alte Frau und verließ das Häuschen. Die Kinder aber zogen tatsächlich in Theresas Dorf. Die alte Hütte wurde ihr Geheimversteck und ihr magischer Zauberpferdchenspielplatz.

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