Veröffentlicht am: 08.03.2018
Autor: Antje Wäschle

Die Reise

Vielen Dank an eine liebe Freundin, deren Geschichte ich hier erzählen darf. Vielleicht macht sie dem einen oder anderen Mut, alte Pfade zu verlassen, um neue Wege zu gehen.


Auf dem Weg nach Hause war ich gedanklich schon dabei, mir ein Essen zuzubereiten, um danach gemütlich den Abend ausklingen zu lassen. Der Tag war heute mal wieder mehr als chaotisch. Der Friseursalon lief gut, doch es war auch viel Arbeit. Mindestens 12 Stunden arbeitete ich, um meinen Traum der Selbständigkeit zusammen mit meiner Tochter leben zu können. Es machte eine Menge Spaß, doch immer wieder stellten sich mir auch neue Herausforderungen. Diese sah ich jedoch nicht als negativ an. Im Gegenteil. Ich liebe Herausforderungen und so durfte der Tag auch gerne mal chaotisch sein. Ich liebte ebenfalls die Gespräche mit meinen Kunden. Oft waren diese sehr anregend und inspirierend und liesen die Zeit im Nu dahingleiten. Jedoch gab es natürlich auch anstrengende Kundschaft und nicht alles lief optimal. So waren auch Tage dabei, die ärgerliche Situationen hervorbrachten. Dies raubte Energie. Trotzdem liebte ich meine Arbeit. Dass ich diese mit meiner Tochter zusammen ausführen durfte, war für mich ein Glücksfall. Meine Tochter ist mein ein und alles. Ein Leben ohne sie und ohne den Salon konnte ich mir nicht vorstellen. Zeitweise litt ich allerdings auch unter gesundheitlichen Problemen. Starkes Rheuma machte mir zu schaffen. Dadurch konnte ich manche Arbeiten nicht ausführen. Die Schübe gingen jedoch auch wieder vorbei und es gab ja Schmerzmittel. Rückblickend bin ich erstaunt, was mein Körper aushalten musste.

Zu Hause angekommen, hatte ich es mir gerade auf dem Sofa gemütlich gemacht, als ungeplant meine Tochter auftauchte. „Was machst Du denn hier so spät noch?" „Mama, ich muss mit Dir reden.“ Sandra wirkte etwas nervös. „Natürlich, komm doch erst mal herein.“ Ich war etwas verwundert. So unruhig kannte ich meine Tochter nicht. „Setz dich doch.“ Sandra nahm auf dem Sofa platz. „Um es kurz zu machen, Mama, Fabian hätte die Möglichkeit, sich in seiner Firma auf eine Arbeitsstelle in Indien zu bewerben. Dazu brauchen wir allerdings Deine Zustimmung.“ „Meine Zustimmung, warum denn das?“ Ich war etwas irritiert „Wenn er die Stelle je bekommen sollte, würden wir für 3 Jahre in Indien leben.“ Nun wurde es mir doch etwas flau in der Magengegend. Deshalb setzte ich mich vorsichtshalber neben meine Tochter. „3 Jahre? Das ist eine lange Zeit." „Ja, das ist es“, meinte Sandra. „ Und Mama, Du weißt, wir haben ein Haus, um das sich jemand kümmern müsste, einen der zwei Hunde würden wir auch hierlassen. Dafür bräuchten wir dann Dich.“ Mir liefen viele Fragen durch den Kopf. Was wird aus unserem Geschäft? Ich ohne meine Tochter für so lange Zeit? Könnte ich das alles aufgeben. Ich schluckte. „Mama, überlege es Dir gut. Wir machen das nur, wenn Du es auch möchtest. Ohne Deine Zustimmung wird es nicht funktionieren." Nun nahm ich all meinen Mut zusammen „ Sandra, wenn ihr das machen wollt, dann habt ihr meinen vollsten Rückhalt. Ich weiß, dass es schon immer Fabians Traum war, nach Indien zu reisen und dort eine zeitlang zu leben. Euren Träumen möchte ich auf keinen Fall im Wege stehen. Fabian soll sich bewerben und dann sehen wir, ob was daraus wird. Meine Unterstützung habt ihr.“ Sandra sah mich ungläubig an. „Wirklich?“ Ich nickte. Dankend fiel sie mir um den Hals. 

Als Sandra an diesem Abend fort war, kreisten meine Gedanken in Endlosschleife. Das Geschäft würde ich vielleicht alleine weiterführen können. Der Hund und das Haus sind auch machbar. Wochen später war klar, der Reise nach Indien stand nichts mehr im Wege. Doch dann kam Sandra mit weiteren negativen Neuigkeiten: "Mama, wir werden reisen, aber unseren Hund müssen wir nun doch hierlassen. Was sollen wir nur tun?" Sie schien verzweifelt. Diesen Hund zurücklassen zu müssen, schmerzte sie schon sehr, aber auch die Tatsache, dass ich mich mit dem Geschäft nicht um beide Hunde kümmern konnte. Ich rührte gedankenverloren eine Tomatensoße, die ich gerade auf dem Herd zubereitete. Was ist wichtiger. Das Geschäft oder dieser Hund, den wir niemals hergeben würden. Gerade heute kam mein Frührentenbescheid. So schnell hatte ich nicht mit ihm gerechnet. War das vielleicht ein Zeichen? Plötzlich wusste ich genau, was zu tun war. Die Entscheidung fiel innerhalb von Sekunden. "Sandra, ich weiß, wie wir das machen. Ich gebe das Geschäft auf und werde mich um Eure Hunde und um das Haus kümmern." Meine Tochter schaute mich erstaunt an. "Bist Du Dir sicher?" "Ganz sicher!",erwiederte ich. So klar, wie in diesem Augenblick war ich selten im Leben. 

Wir verkauften tatsächlich unser Geschäft, wenn auch mit einigen Stolpersteinen und weit unter Wert. Auch gab ich meine Wohnung auf und zog in das Haus meiner Tochter.

Als die beiden abgereist waren und ich alleine mit den Hunden zurückblieb, wurde ich richtig krank. Die ersten 3 Tage waren kaum zu ertragen. Auch die Hunde hatte es erwischt, wir spukten und lagen teilnahmslos herum. Nicht einmal zu einem Spatziergang waren wir imstande.  Es war unglaublich, wie wir alle litten. Die Tiere genauso wie ich. Wir trauerten gemeinsam.

Nun war ich tatsächlich alleine auf mich gestellt. Meine Tochter war weg und meine geliebte Arbeit nicht mehr greifbar. Ich viel in ein tiefes Loch. 

Doch das Unglaubliche geschah. Nach 3 Tagen ging es aufwärts. Ich stand auf und sagte mir. "So funktioniert das nicht, auf gehts." Das Haus war groß und auch der Garten musste gepflegt werden. Die Hunde wollten Gassi gehen. Wir erwachten sozusagen zu neuem Leben und ich genoss meine neue Freiheit in vollen Zügen. So sehr ich meine Arbeit geliebt hatte, erst jetzt bemerkte ich, wie kräftezerrend sie doch war. Ich fing an zu leben, zu genießen und nicht mehr gehetzt durchs Leben zu jagen. Plötzlich liesen auch meine Rheumaschübe nach, denn ich hatte nun auch mehr Zeit, mich mit meiner Kranheit auseinanderzusetzen. Heute habe ich kaum mehr Schmerzen. Schmerzmittel sind nicht mehr nötig. Entgegen der ärztlichen Prognosen kann ich immer noch laufen und mich bewegen. Ich blühte damals auf und suchte mir wieder kleine Beschäftigungen.  

Mein größtes Highlight war der Besuch bei meiner Tochter in Indien. Wäre ich sonst je in meinem Leben nach Indien gereist? Ich glaube nicht. Am liebsten wäre ich dort noch viel länger geblieben, so beeindruckend war der Aufenthalt. Ein fremdes Land, eine andere Kultur und dieses unbeschreibliche Gefühl, was für eine magische Kraft die Erde dort ausstrahlte, das war schon ein unglaubliches Erlebnis.

Doch zu Hause warteten die Verpflichtungen und so reiste ich schweren Herzens nach einigen Wochen wieder zurück.

Die drei Jahre gingen schnell vorbei und meine Tochter und ihr Mann kehrten zurück. Die positive Veränderung der beiden war unglaublich. So wie auch ich quasie ein neuer Mensch war. Wir waren alle drei einfach nur zufrieden, glücklich und lebensfroh. Wir sind zutiefst Dankbar für die Erfahrungen, die wir alle machen durften. 

Mittlerweile lebe ich wieder in einer eigenen Wohnung. Meine Tochter arbeitet als Angestellte in einem außergewöhnlich tollem Friseursalon mit reduzierten Arbeitszeiten. Das Leben ist schön. Im Moment ist es sogar die schönste Zeit, die ich je hatte. Wer weiß, wohin mich meine mentalte Abhängigkeit zu meiner Tocher, die nicht wahrgenommene Arbeitsüberlastung und meine Krankheit, die ich nicht selten versuchte zu ignorieren und mit zu vielen Schmerzmitteln bekämpfte, sonst geführt hätte.

Manchmal sollte man einfach den Mut aufbringen, Dinge zu wagen, die alles über den Haufen werfen. Lebenssituationen, sind sie doch im ersten Moment schwierig, können sich am Ende in wahre Glücksmomente umwandeln. 

Sei mutig, sei stark, sei frech, sei wunderbar. 


Gott der Freude  

 


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