Veröffentlicht am: 21.12.2017
Autor: Antje Wäschle

Die Zauberweihnachtskugel

In einer kleinen Stadt wohnte ein kleines Mädchen mit seinen Eltern. Dass sie nicht viel Geld hatten, war schon von Weitem an ihrem armseligen Häuschen zu sehen, aber sie hatten ein Dach über dem Kopf und immer genug zu essen. Der Vater des kleinen Mädchens ging jeden Tag arbeiten, doch seine Mutter war krank und musste deshalb zu Hause bleiben. 

Das Mädchen hieß Lisa. Wie jedes Jahr zu Weihnachten sehnte sich Lisa nach einem Fest, an dem es auch mal Geschenke gab oder Christbaumschmuck in prächtigem Rot und Gold. In Lisas Häuschen schmückte immer Selbstgebasteltes den Tannenbaum. Das war auch schön, aber ohne Kugeln und Glitzerschmuck fehlte etwas, fand Lisa.

Ein paar Tage vor Heiligabend schlug Lisas Papa vor, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. „Nur um ein bisschen zu schauen“, sagte er. Lisa hüpfte vor Freude. Schauen war schön, auch wenn sie nichts kaufen konnten. Allein der Duft der Lebkuchen, die vielen Lichter und die wunderbaren Dinge, die die Stände schmückten, waren es wert. So schlenderten Vater und Tochter Hand in Hand über den Markt und Lisa hatte ihre helle Freude an den vielen weihnachtlichen Buden. Vor einem Stand blieb sie besonders lange stehen und bewunderte eine Weihnachtskugel, die dort angeboten wurde. Ihr verträumter Blick ließ erahnen, wie gerne sie diese Kugel mitgenommen hätte. „Ach, hätten wir doch nur einmal an Weihnachten ein winziges bisschen mehr Geld.“ Sie seufzte. Auch wenn sie die Weihnachtskugel nicht mitnehmen konnten: Lisa freute sich darüber, all das Schöne betrachten zu können, und so gingen sie weiter den Markt entlang.

Als Lisa am nächsten Tag von der Schule nach Hause kam, lag ein kleines Päckchen auf ihrem Platz am Esstisch. „Für mich?“ Sie machte große Augen. „Ja“, antwortete Papa und schmunzelte. Vorsichtig packte Lisa das Päckchen aus. Zum Vorschein kam die wunderschöne Weihnachtskugel, die sie sich so sehr gewünscht hatte. Freudig umarmte sie ihren Papa, dann hob sie stolz die Kugel hoch, die sich im Lichtschein drehte. „Die hängen wir ans Fenster, damit sie alle sehen können, die daran vorbeilaufen,“ rief Lisa fröhlich. Papa half ihr dabei, die Kugel zu befestigen.

Als es dunkel wurde, stellte Lisas Mama noch eine Kerze darunter. Das wollte sich Lisa unbedingt auch von draußen anschauen. Schnell zog sie ihre Jacke an. „Ich komme mit!“ Auch Lisas Mutter war nun neugierig geworden. Die beiden setzten sich vor dem Haus auf ein Bänkchen, das schräg vor dem Fenster stand. So hatten sie einen guten Blick auf die beleuchtete Weihnachtskugel. Als ein älterer Herr vorbeikam und sich die Weihnachtskugel im Fenster ansah, schien die Kugel plötzlich zu leuchten. Der Mann war fasziniert und setzte sich zu Lisa und ihrer Mama auf die Bank. Das überraschte die beiden. Sonst setzte sich nie jemand zu ihnen, die Leute liefen meist achtlos an ihrem Haus vorbei. Sie begannen sich mit dem alten Herrn zu unterhalten und es kam ihnen vor, als würden sie sich schon ewig kennen. Die Zeit verging wie im Flug, bis der Mann irgendwann glücklich weiterging. An diesem Abend und auch an den darauffolgenden begegneten den beiden noch viele Menschen, die wie verzaubert vor ihrem Fenster stehen blieben und mit ihnen ins Gespräch kamen. Immer wieder erzählte Lisa von ihrem größten Weihnachtswunsch, dem Schmuck für den Christbaum. 

Einen Tag vor Heiligabend lag plötzlich ein Päckchen in goldenem Geschenkpapier vor dem Haus. Lisa war ganz aufgeregt und wollte es gleich öffnen. „Sollen wir nicht bis Heiligabend warten?“ Lisas Mutter war hin und her gerissen. „Vielleicht ist es ja was ganz Wichtiges“, konterte Lisa. Die Mutter gab schließlich nach und so öffneten sie vorsichtig das Päckchen. Als Lisa den Deckel aufklappte, traute sie kaum ihren Augen: Der Karton war mit wunderschönem Weihnachtsschmuck gefüllt. Ein goldener Briefumschlag lag obenauf. Lisa öffnete ihn und zog den Brief heraus.

„Liebe Lisa, ihr habt mir eure Zeit geschenkt vor eurem Fenster mit der wunderschönen Weihnachtskugel. Das war ein tiefes und schönes Erlebnis für mich. Du hast mir so viel von dir erzählt und ich habe es sehr genossen, einfach mit euch dazusitzen und zu reden. Ihr habt mir zugehört. Das habe ich schon lange nicht mehr erlebt und dafür bin ich euch sehr dankbar. Ich möchte dir deshalb eine kleine Freude bereiten und dir deinen Weihnachtswunsch erfüllen.“ 

Lisas Mama wischte sich gerührt ein paar Tränen von den Wangen. Im Laufe des Tages erhielten sie noch viele solche Nachrichten und Geschenke – von Menschen, die sich über die geschenkte Zeit gefreut hatten und aus Dankbarkeit etwas zurückgeben wollten.

An Heiligabend saß Lisa bei Kerzenschein neben einem bunt geschmückten Weihnachtsbaum und schaute selig auf die Weihnachtskugel im Fenster. Dieses Mal schien sie besonders hell zu leuchten. 

Woher das Leuchten kam, konnte sich Lisa nie erklären, aber die Kugel erinnerte sie von da an immer daran, dass es wichtig war, anderen Menschen seine Zeit zu schenken. Man bekam immer etwas zurück, und sei es nur ein Lächeln.

Wenn du also einmal an einem Haus mit einer Weihnachtskugel im Fenster vorbeikommst, erinnere dich an diese Geschichte. Vielleicht ist das ja Lisas Haus. 





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